Binde-Strich oder Medio·punkt?

Binde-Strich oder Medio·punkt?

Hintergrund und Diskussion zu den konkurrierenden Schreibweisen von Bindestrich und Mediopunkt.

 

Für nahezu jede Schwierigkeit der so genannten Standardsprache gibt es in der Leichten Sprache eine Regel. Dies gilt auch und womöglich vor allem für lange Wörter, die demnach zu vermeiden sind. Weil ein absolutes Verbot langer Wörter jedoch nicht haltbar ist, empfehlen die Regeln des Vereins Netzwerk Leichte Sprache darüber hinaus, überlange Wörter per Bindestrich zu trennen, d. h. sie in ihre Einzelbestandteile zu zerlegen. Aus einem Donaudampfschiffkapitän wird dann der Donau-Dampf-Schiff-Kapitän. Aus dem Behindertengleichstellungsgesetz wird anhand der Bindestrichschreibweise das Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz.
An diesen Beispielen wird zugleich der Nutzen wie auch die Problematik dieser Lösung offenbar.

 

Der Nutzen

Die Wortbildung in der so genannten Standardsprache ist, linguistisch gesprochen, enorm produktiv. Auf die eben vorgeführte Art und Weise lassen sich extrem lange Wörter bilden. Auf diesen Umstand verweisen insbesondere jene Beispiele, zu denen auch der aus dem Volksmund stammende Donaudampfschiffkapitän gezählt werden kann. Das Problem hierbei ist, dass die Textverständlichkeit oftmals auf der Strecke bleibt. Zahlreiche Studien verweisen darauf, dass die Lesedauer eines Wortes mit jeder Silbe steigt. Außerdem ist die Lesefähigkeit nicht bei allen Menschen derart ausgeprägt, dass der Bezug der einzelnen Wortbestandteile immerzu hergestellt werden kann.

An dieser Stelle erleichtert der Bindestrich die direkte Aufnahme eines Wortes, indem er die einzelnen Bestandteile explizit hervorhebt und damit transparent macht, woraus ein Wort im Einzelnen besteht.

 

Die Problematik

Doch bei der alternativen Schreibweise handelt es sich nicht bloß um eine typographische Lösung. Tatsächlich greift der Bindestrich in der hier beschriebenen Weise direkt ins Regelsystem der deutschen Sprache ein. Zwar erlaubt die deutsche Sprache in vielen Fällen durchaus die Verwendung des Bindestrichs.

¾-Takt

Hartz-IV-Regelsatz

BMX-Fahrrad

Die Schreibung, wie sie vom Netzwerk vorgeschlagen und von vielen Übersetzungsbüros noch immer praktiziert wird, zählt aber nicht dazu. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, wie genau die Bindestrichschreibweise in die Orthographie eingreift. So sind die einzelnen per Bindestrich separierten Wortbestandteile stets großgeschrieben. Und obwohl viele Übersetzungsbüros dafür plädieren, bloß potenziell eigenständige Bestandteile innerhalb eines Wortes mit dem Bindestrich zu behandeln, wird der Bindestrich auch an Formen mit Fugen-s angehängt.

 

Geht Verständlichkeit vor?

Viele mögen nun einwenden, dass die Verständlichkeit als Hauptziel eine höhere Bedeutung besitzt als die deutsche Orthographie. Wer so argumentiert, ignoriert jedoch den schweren Stand, den die Leichte Sprache insbesondere in der Mehrheitsgesellschaft und dem Bildungsbürgertum häufig noch immer innehat. Eine falsche Orthographie wiederum bringt die Leichte Sprache in Misskredit. Darüber hinaus ist das Publikum von Leichter Sprache womöglich nicht ein Leben lang auf diese vereinfachte Varietät des Deutschen angewiesen. In diesen Fällen ist es besonders problematisch, wenn Menschen eine falsche Rechtschreibung lernen und somit weiterhin von wirklicher Teilhabe abgehalten werden.

 

Die Alternative

Eine mögliche Alternative hat nun vor einiger Zeit die Hildesheimer Forschungsstelle Leichte Sprache vorgeschlagen. Anstelle des Bindestrichs empfehlen die Wissenschaftlerinnen Ursula Bredel und Christiane Maaß den so genannten Mediopunkt. Eine Schreibung mit Mediopunkt sähe dann wie folgt aus:

Donau·dampf·schiff·kapitän
Behinderten·gleichstellungs·gesetz

Anders als der Bindestrich ist der Mediopunkt im gegenwärtigen Regelsystem der deutschen Sprache nicht besetzt. Er kann somit als neues Element eingeführt werden und entkommt auch damit der einen oder anderen Kritik. Auch der Mediopunkt erlaubt es, überlange Wörter sichtbar in ihre Einzelbestandteile zu zergliedern. Anders als der Bindestrich, der mitunter dazu geeignet ist, die korrekten Bezüge innerhalb eines Wortes eher zu verdrehen, als diese explizit zu machen, handelt es sich beim Mediopunkt tatsächlich viel mehr um eine hauptsächlich typographische Lösung. Der Mediopunkt erleichtert die Aufnahme eines langen Wortes, d. h. das Lesen, ohne gegen die Regeln des Deutschen zu verstoßen. Damit einher geht eine womöglich größere Akzeptanz der Leichten Sprache wie auch ein geringeres Stigma für all jene Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind.

 

Ist der Mediopunkt alternativlos?

Wer sich die hier vorgebrachten Beispiele anschaut, erkennt wahrscheinlich, dass der Mediopunkt im Vergleich zum Bindestrich oftmals weniger sichtbar ist. Tatsächlich verweisen Übersetzungsbüros mitunter auf Berichte von Prüfgruppen, in denen der Mediopunkt für den Punkt am Satzende gehalten wurde. Andere berichten davon, dass er bei Prüfungen überlesen wurde und seine leseerleichternde Funktion direkt wieder eingebüßt hat. In den Prüfungen der Forschungsstelle hat sich der Mediopunkt hingegen bewährt. Für alle weiteren Fälle fehlt es an aussagekräftiger Forschung, die in den nächsten Jahren zu leisten ist. Schon heute kann aber festgehalten werden, dass mit dem Mediopunkt viele Nachteile der Bindestrichschreibung vermieden werden können.

Um die Stigmatisierung der Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, zu verhindern und, um die Leichte Sprache als Varietät innerhalb des deutschen Sprachsystems zu etablieren, ist die Verwendung des Mediopunktes jedenfalls zu empfehlen. Dass er sich auf der Standardtastatur bisher nicht etabliert hat und erst etwas umständlich per Tastenkombination (ALT + 0183) eingefügt werden muss, sollte dem keinen Abbruch tun. Hier hinkt dann auch mal die Technik dem gesellschaftlichen Wandel hinterher.