Bürgernahe Sprache

Amtssprache/Verwaltungssprache/Behördensprache/Bürgernahe Sprache?

Beinahe scheint es, als sei die Amtssprache etwas ganz Typisches für die Bundesrepublik Deutschland. Der Urvater der Gewaltfreien Kommunikation, Marshall B. Rosenberg, hat die deutsche Amtssprache in vielerlei Hinsicht kritisiert. Dazu gehört die indirekte Wertung, der unpersönliche und das stets Notwendige betonende Stil habe den Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts – von Verfolgung bis Faschismus – sprachlich den Weg bereitet. Doch auch im Alltag erfährt das, was in Schreiben und Formularen aus den Behörden kommt, mehr Ablehnung als Respekt.

Bei Bürgernaher Sprache handelt es sich nun um den Versuch, genau diese Varietät der deutschen Standardsprache zu vereinfachen. Teilweise geht es um einen freundlicheren Tonfall, immer aber auch um Verständlichkeit. Wie auch im Fall der Einfachen Sprache, gibt es hier keinen strikten Regelkatalog, wohl aber viele Richtlinien, Empfehlungen und Ideen. Anders als die Leichte Sprache, jedoch auch die Einfache Sprache befindet sich die Amtssprache dabei in einem ganz besonderen Spannungsfeld.

Ein paar der Besonderheiten,
denen Amtssprache bzw. Behördensprache unterliegt:

  • Inhalte müssen fachlich-juristisch belastbar sein
  • Formulierungen müssen politischen Anforderungen genügen
  • Texte müssen oft freundlich-fordernd aufgenommen werden

Was bedeutet das im Einzelnen?

Bei der Kommunikation zwischen Bevölkerung und Behörden geht es meistens um Dinge, die rechtlich relativ eindeutig geregelt sind. Um die Bürgerinnen und Bürger korrekt darüber zu informieren, müssen die Behörden sich in der Verwaltungssprache an der juristischen Fundierung von Regeln, d. h. Gesetzen orientieren. Die vollständige Vermeidung bestimmter Begriffe und Phrasen ist demnach nicht möglich. Zwar sollen die Texte durch Bürgernahe Sprache den Menschen näher sein, der Ausgangspunkt ist jedoch die Fachsprache. Das wiederum ist auf der anderen Seite ein Grund dafür, dass Texte in Leichter Sprache in der Regel Übersetzungen und Ergänzungen und keine selbst juristisch tragfähigen Texte darstellen.

Darüber hinaus wandelt die Sprache sich mit der Gesellschaft, deren Medium sie ist. Die Rolle der Geschlechter, von Mann und Frau, hat in den vergangenen Jahren einen Wandel vollzogen, der die Nennung beider Geschlechter erfordert, zumindest aus Respekt geboten macht. Während früher die bloße Nennung männlicher Formen, also das generische Maskulinum, in Texten vorherrschend war, verwenden heute viele Menschen beide Geschlechter oder wählen, wo dies möglich ist, geschlechtsneutrale Formulierungen. Dies macht einen Text kaum kürzer und oft, speziell im Sinne der Zielgruppenorientierung, auch nicht verständlicher. Doch Verständlichkeit ist bei der Bürgernahen Sprache bloß ein Ziel unter mehreren.

Nicht zuletzt handelt es sich bei Behördenschreiben zumeist um Forderungen oder Bescheide nach einem Fehlverhalten, mitunter um Hinweise für konkrete Handlungen. Solche Texte müssen einen fordernden Charakter aufweisen, sollen jedoch auch, wenigstens heutzutage, freundlich und respektvoll geschrieben sein. Das Konzept Bürgernahe Sprache gibt hier einige Empfehlungen.

In alledem sehen wir Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen dem, was Bürgernahe Sprache sein soll, und der Leichten und Einfachen Sprache. Betrachten wir jedoch bloß den Bereich der Verständlichkeit, so zeigen sich bei allen drei Herangehensweisen doch auch viele Gemeinsamkeiten.